Jahrestag der Synagogen Einweihung in Bremerhaven 27.11.2015 – Eine antifaschistische Einordnung

Synagoge_Bremerhaven1

Synagoge am Kleiner Blink 6, Bremerhaven

Vor 15 Jahren hat die jüdische Gemeinde in Bremerhaven ihre neue Synagoge feierlich eingeweiht. Die erste Synagoge wurde 1878 im heutigen Stadtteil Geestemünde in der Ludwigstraße eingeweiht. Also vor 137 Jahren. Die alte Synagoge wurde von deutschen Faschist*innen während der Reichspogrome 1938 am 9. November vernichtet. So hat das faschistische NS-Regime gezielt gewaltsame Ausschreitungen (Pogrome) gegen Menschen mit jüdischen Glauben in ihrem Gewaltbereich geplant und gelenkt. An der Stelle der abgebrannten Synagoge erinnert ein Mahnmal an die Verbrechen der Nazis, welche jüdische Menschen in Bremerhaven erlitten haben.

Erst 62 Jahre nach der Zerstörung der alten Synagoge konnte die jüdische Gemeinde einen angemessenen Raum für die Ausübung ihrer Religion feierlich eröffnen. Dies liegt zu einem dran, dass es keine bis wenige Menschen des jüdischen Glaubens nach Bremerhaven zogen. Das Beispiel Brandenburg verdeutlicht dies, dort wurde erst 2015 die erste Synagoge nachdem Holocaust eröffnet. Also erst 75 Jahre nach der Shoa.

Die Pflicht jedes Antifaschisten ist es sich damit auseinanderzusetzen und die Religionsfreiheit zu verteidigen, auch wenn es nicht die eigene Religion oder ein atheistischer Standpunkt vertreten wird. Zur antifaschistischen Praxis gehört es auch auf kommunaler Ebene regional-spezifische Geschichte aufzuarbeiten und im Kontext der Schrecklichkeit der NS-Diktatur, des Zweiten Weltkrieg und der Shoa zustellen. Das Ausmaß der Verbrechen muss immer auch regional behandelt werden, damit der örtliche Bezug nicht wegfällt und die Aufarbeitung sowie die antifaschistische Erinnerungskultur nicht zu etwas abstrakten weit weg liegendem verkümmert. Daher ist das Gedenken am 9. November oder das putzen von Stolpersteinen vor Ort auch so wichtig.

Jüdischfeindliche Entwicklungen und Rassenantisemitismus vor dem Aufstieg des deutschen Faschismus

Schon vor den Nazis gab es Antisemitismus. Zunächst gab es einen religiös motivierten Antijudaismus im Christentum zur Zeit des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Diese Judenfeindlichkeit richtete sich gegen die jüdische Religion. Den Menschen mit jüdischen Glauben wurde keine eigene „Rasse“ zugeschrieben. Jüdische Menschen konnten ihre Religion wechseln, sofern sie aufgrund von Diskriminierung dazu entschieden (oder entscheiden mussten). Zudem wurden die Menschen mit jüdischen Glauben als ein „fremdartiges“ „Volk“ wahrgenommen. So wurde den jüdischen Menschen, eine Minderheit in der Gesellschaft, kollektivistisch die Schuld für verunreinigte Brunnen als „Brunnenvergifter“ zugeschrieben oder die Schuld an Missernten sogar die Pest in die Schuhe geschoben, eine Krankheit welche im Mittelalter etwa einen Drittel der Menschen, die in Europa lebte, den Tod brachte. „Die Juden“ wurden später auch zum Sündebock von  Krieg und wirtschaftlichen Krisen und sonstigen gesellschaftlichen Problemen degradiert. Dies endete mehrfach und europaweit immer wieder in jüdischfeindlichen Pogromen.

Schon im 19. Jahrhundert entwickelte sich aus bestehenden antisemitischen Weltbildern, Stereotypen und Vorurteilsstrukturen auch rassischtisch-biologistisch konstruierter Rassenantisemitismus. In der Folge der  wirtschaftlichen Krise von 1873 im „Deutschen Kaiserreich“ richtete sich  Hass der jüdischfeindlichen Bewegungen gegen Menschen nicht weil sie den  jüdischen Glauben haben, sondern gegen die Menschen, die der jüdischen  „Rasse“ angehören sollen. Selbst Menschen, die sich nicht mehr zum  Judentum bekannten, getauft, die Religion gewechselt haben oder  Nachkommen von Menschen waren, die den jüdischen Glauben aufgegeben  hatten,  wurden zum Feind einer fiktiven „Reinrassigkeit“ erklärt.

Der Rassenantisemitismus ging soweit, dass es zu gesamtjüdischen Vernichtungsbestrebungen kam. Paul Bötticher, welcher sich als einen christlichen Vorkämpfer stilisierte, schrieb: „Die Juden sind als Juden in jedem europäischen Staate Fremde, und als Fremde nichts anderes als Träger der Verwesung. Hier werden den jüdischen Menschen Eigenschaften zugeschrieben nach dieser sie als etwas „fremdes die imaginierte „Reinheit des „deutschen Volks als Träger der „Verwesung also durch minderwertiges biologisches Material gefährden würden. Voller Hass mündete Bötticher 1888 in einer judenfeindlichen Ungeziefergleichsetzung. Er sagte: „Mit Trichinen und Bazillen wird nicht verhandelt, Trichinen und Bazillen werden auch nicht ‚erzogen‘, sie werden so rasch und gründlich wie möglich unschädlich gemacht. Weiter beklagte er, dass zu viele „Deutsche zu „feige seien, das jüdische „Ungeziefer zu zertreten.

Rassenwahn und Vernichtungsantisemitismus im deutschen Faschismus

Die Nazis verbanden bestehende jüdischfeindliche, antisemitische und rassenantisemitische Ansichten und steigerten diesen zu einem staatsadministrativen Vernichtungsantisemitismus.

Hitler schrieb zur „Judenfrage“ 1918: „Sein letztes Ziel aber muss unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein.“

Der konstruierte Rassenantisemitismus, schrieb den Menschen des jüdischen Glaubens eine eigene „Rasse“ zu, die als minderwertig betrachtet wurde. Im Gegensatz dazu wurde die imaginierte „deutsche, arische Rasse“ der „deutschen Volksgemeinschaft“ höher gestellt. Aus dieser Höherstellung als „Herrenrasse“ ergab sich, dass die Existenz, der als minderwertig angesehenen jüdischen „Rasse“ als ein „Volksschädling“ des „reinen Volkskörper“ bzw. der „deutschen Rasse“ betrachtet wurde. Dessen Existenz bedrohe die  fiktive „Reinheit“ des „deutschen Rassen“-Konstruktes. Über diesem fanatischen Wahn „legitimiert“, vernichteten die deutschen Faschist*innen über 6. Millionen  Menschen mit jüdischem Glauben und alle jene, die aus der „deutschen Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen wurden. So wurden ca. 500.000 Sinti und Roma „nur“ aufgrund dessen umgebracht, weil sie als „minderwertige fremde“ Rasse betrachtet wurden. Dieser Massenmord wird von Sinti und Roma als Porajmos „das Verschlingen“ bezeichnet. Weiter wurden Homosexuelle, Kommunist*innen, Oppositionelle, Sozialdemokrat*innen verfolgt und umgebracht.

Unter dem Begriff der „Endlösung“ proklamiert, haben die deutschen Faschist*innen versucht alle Menschen jüdischen Glaubens auszulöschen und somit ihren Rassenwahn zu vollenden. Über diesen Ideologie-Bestandteil konnte der Kapitalismus in Form des deutschen Faschismus seine menschenverachtende Konkurrenz und Verwertungslogik weiter im Interesse der herrscheden produktionsmittelbesitzenden deutschen Bourgeoise entfalten. So wurden die Interessen der „deutschen Volksgemeinschaft“ im Namen der deutschen Nation proklamiert und als gleichsam gültige Interessen der Herrschenden sowie Ausgebeuteten umgedeutet. Dies verschleierte die Klassenwidersprüche der Herrschenden und Beherrschten. Weiter wurden die Interessen der „deutschen Volksgemeinschaft“ über die von den deutschen Faschist*innen als minderwertiger betrachteten Gruppen in den Nachbarländern gestellt, die dann aus einer fiktiven „Legitimation“ heraus der menschenverachtenden Ausbeutungs- und Verwertungslogik der Nazis zum Opfer fielen.

Kapitalistische Ausbeutung und imperialistische Aggression durch den Faschismus, deutscher Prägung

Dies Spitze sich in einer der aggressivsten kapitalistischen Verwertungslogik zu wie, dass der Deportation und Ausbeutung von Zwangsarbeiter*innen aus den besetzten Gebieten für die Kriegsindustrie im „Dritten Reich“. Hieraus resultierte letzlich, die schlimmste imperialistische Aggression im 20. Jahrhundert, mit der die Nazis Europa in Schutt, Vernichtung, und Elend, überzogen haben. Dieser Krieg kostete über 65 Millionen Menschen das Leben. Die Sowjetunion war am stärksten mit 27 Millionen Menschen betroffen. Dies liegt auch daran, dass die Nazis auch den existierenden Bolschewismus, der den Kommunismus anstrebte,  als jüdisch definierten und gerade deswegen haben die deutschen Faschist*innen so brutal Krieg gegen die Sowjetunion geführt. So wurde ein Krieg gegen den jüdischen-Bolschewismus propagiert. Während gleichzeitig in Osteuropa unter dem Titel „Lebensraum im Osten gewaltsam neue Gebiete erschlossen wurden. Dabei haben die Faschist*innen, die dort einheimischen Menschen als slawische und  jüdische „Untermenschen“ angesehen sowie deswegen verfolgt und umgebracht. Ganze Landestriche wurden komplett von diesen „gesäubert um Platz für die von den Faschist*innen als höherwertig angesehene deutsche Volksgemeinschaft zu schaffen.

Zusammenfassend lässt sich sagen:
Die kapitalistischen Verhältnisse, die aus dem Prozess der Industrialisierung hervorgegangen waren und aus denen der Faschismus entsprungen war, sowie der (Rassen)antisemitismus sind die  „notwendigen Vorbedingungen für den äußerst brutalen deutschen Imperialismus und dem Holocaust  gewesen.

KEIN VERGESSEN!

Die NS-Geschichte darf nicht in Vergessenheit geraten, vor allem nicht in dem Land von dem der zweite Weltkrieg und der systematisch organisierte Massenmord an den Menschen jüdischen Glaubens, der Shoa, verübt wurde. Der viel zitierte kategorische Imperativ von Theodor W. Adorno: Das Auschwitz nie wider sei, muss universalistische Allgemeingültigkeit haben.

Wir Gedenken den Menschen die Opfer der nazistischen Diktatur, die Opfer der jüdischfeindlichen, rassenantisemitischen  NS-Ideologie, Opfer des Faschismus wie auch Opfer des sehr aggressiven Imperialismus, Opfer des 2. Weltkrieg und Opfer der Shoa geworden sind. Zudem ist der antifaschistische Widerstand zu betonen, der unter diesen menschverachtenden Bedingungen enstehen musste. Gleichzeitig wollen wir der jüdischen Gemeinde Bremerhaven zu ihrem 15 jährigem Jubiläum ihrer Synagoge gratulieren.

Linksjugend [’solid] Bremerhaven und Cuxhaven

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