Die Fußball-Europameisterschaft: Unbegrenzte Party für alle?

Am 10. Juni ist es mal wieder so weit. Die Fußball-Europameisterschaft (EM oder Euro 2016) startet in Frankreich und 24 Nationen werden um den Sieger-Pokal kämpfen. Viele Menschen und vor allem Fußball-Anhänger hierzulande und in aller Welt freuen sich auf das Event. Nicht wenige meinen auch, dass Politik und Fußball nichts mit einander zu tun haben. Doch ist das so und ist die EM eine vierwöchige Party ohne Begleiterscheinungen?

„Ein Fußballfest für alle – das ist es, was wir uns wünschen“, meint Anne Hidalgo, die regierende Bürgermeisterin von Paris. Doch nach den Anschlägen vom 13. November 2015 ist in Paris nichts mehr wie es war. Ganz in der Nähe des Stade de France führten dschihadistische Terroristen einen Anschlag aus, 130 Menschen starben dabei. In den Monaten danach war das Leben in Paris nicht mehr dasselbe. Die Lebensfreude ist aus der Stadt gewichen. Und die herrschenden Politiker um Präsident Hollande und Premierminister Manuel Valls haben Angst, dass sich die Anschläge bei der EM wiederholen könnten und haben ein gewaltiges „Sicherheitspaket“ geschnürt, dass die französische Bevölkerung Millionen Euro kosten wird. Das Budget für die „Fan-Zones“ wurde von 12 auf 24 Millionen Euro erhöht. Anti-Terror-Übungen sind an der Tagesordnung, Wachpersonal und Überwachungskameras werden verstärkt eingesetzt. „Das alles nur für den Fußball?“, mag sich mancher verwundert fragen. Dabei geht es den
Herrschenden weniger um die Sicherheit der Menschen, die die Zeche eh zahlen müssen, sondern vielmehr um die EM als gigantisches Prestige-Projekt im Sinne der Politik und der Banken und Konzerne. Gleichzeitig sind die sozialen Probleme im Land riesig. Alleine die Arbeitslosenstatistik spricht von 3,5 Millionen Menschen ohne Arbeit und die Jugend hat keine wirkliche Perspektive.

Sicher ist eine gewisse Angst vor Terror-Attacken begründet, jedoch wird der Wunsch nach Sicherheit missbraucht um den staatlichen Repressionsapparat weiter auszubauen. Was der französischen Regierung aber genauso viel Angst macht, ist der Umstand, dass sich Frankreich seit Wochen im politischen Ausnahmezustand befindet. Eine gewaltige Streikwelle hat das Land erfasst, nachdem eine neue Arbeitsmarktreform im Parlament beschlossen wurde. Die Gewerkschaften haben das Land nun im Griff und sogar ein Generalstreik ist möglich, da Arbeiter*innen, Schüler*innen und Studierende sprichwörtlich auf die Barrikaden gegangen sind. Ein Ende der Proteste ist nicht abzusehen und es drohen auch bei der EM erhebliche Beeinträchtigungen im Verkehrswesen und in anderen Bereichen des täglichen Lebens. Für die Menschen, die von der Arbeitsmarktreform betroffen sind, gibt es nichts zu feiern, stattdessen herrscht die Furcht vor einer weiteren Deregulierung des Arbeitsmarktes vor, die sich nun in Widerstand verwandelt hat. Eine Solidarisierung mit den Protestierenden auch während der EM ist notwendig um der ganzen Welt zu zeigen, dass sich Widerstand lohnt und es wichtig ist, für seine Rechte auf die Straße zu gehen. Das sollte bei allem Trubel um den schwarz-weißen Ball nicht vergessen werden.

Hierzulande gibt es andere Probleme im Zusammenhang mit der Euro 2016. In Deutschland werden Fußball-Großereignisse gerne benutzt um soziale Schweinereien im Bundestag durchzusetzen bzw. von den sozialen Problemen im Land abzulenken. Das wird sicher auch in diesem Jahr wieder so sein. So ist zum Beispiel eine weitere Verschärfung des Asylrechts bzw. eine reaktionäre Debatte um das neue Integrationsgesetz denkbar, das momentan diskutiert wird. Auch weitere Kürzungen im sozialen Bereich sind möglich. Wer abgelenkt ist, hat halt wenig Zeit zum Demonstrieren. Das wissen auch die Herrschenden hierzulande. Ein weiterer Kritikpunkt ist der „Deutschland-Hype“, der regelmäßig zu großen Turnieren durch die Republik schwappt.

Viele Linke sprechen von offen zur Schau gestelltem Nationalismus und Patriotismus und lehnen daher Fan-Kulturen, National-Fahnen und nationale Symbole und MerchandiseArtikel ab. Dazu muss man jedoch sagen, dass sicher nicht allen Fußball-Fans, die in den Farben „ihrer Mannschaft“ auftreten, Nationalismus unterstellt werden kann. Natürlich nutzt insbesondere die deutsche Regierung den Hype, um die Nation und den Staat in ein günstiges Licht zu rücken und freut sich, wenn sich Menschen in schwarz-rot-gold kleiden und sicher fühlen sich auch viele der Nation und der Regierung verbunden, verallgemeinern kann man dies aber nicht. Aus unserer Sicht sollte der nationale Taumel sicher kritisch gesehen werden, aber Vorverurteilungen sind dabei wenig hilfreich. Hilfreich ist nur eine Alternative anzubieten. Unsere Alternative heißt „Sozialismus“, der die Trennung von Menschen durch Nationen und Staaten aufhebt und sich den Internationalismus auf die Fahnen geschrieben hat. Wichtig ist es jedoch nicht wegzusehen, wenn beispielsweise Nazis auf den Fan-Meilen auftauchen und versuchen „ihre Nation“ über andere zu stellen. Friedliches, gemeinsames Feiern ist das eine, nationalistische Sprüche und Gesten das andere. Mit diesem Artikel möchten wir niemandem den Spaß an der EM vermiesen, sondern nur zu einer kritischen Betrachtungsweise anregen. Natürlich hoffen wir, dass Terror-Anschläge und Nazi-Attacken ausbleiben, würden uns aber über weitere Unruhe in Frankreich durch die Streiks auch während der EM freuen. Keine Panik, der Ball wird trotzdem rollen. Aber die Protestierenden könnten die EM als Bühne für die Präsentation ihrer berechtigten Forderungen sicher gebrauchen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s